Über Magd zur Bassgeige - ÄGERITALORCHESTER - Das Orchester aus dem Ägerital

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Magd geschwängert - Bassgeige gestiftet


UNTERAGERI Der Bass des Ägeritalorchesters ist fast 180 Jahre alt — und die Geschichte um seine Entstehung delikat.

Das Jahr 1835 war ein durchaus geschichtsträchtiges: Franz I./II., letzter Habsburgerkaiser des Heiligen Römischen Reichs, verstarb, auf den siebten US-Präsidenten Andrew Jackson wurde in Washington ein (missglücktes) Attentat verübt, die Schweiz führte das metrische System ein, und Leonz Iten aus Unterägeri trieb Unzucht mit einer Magd. Das Schlimme: Es war Ehebruch. Iten war verheiratet. Und noch schlimmer: Die Magd wurde dicker, und der Fauxpas kam somit unweigerlich ans Tageslicht.


Für die Kindszeugung mit Klara Staub - so hiess das Menzinger Dienstmädchen - wurde der Fehlbare vom Paternitätsgericht Unterägeri zur "wohlverdienten Straffe wegen gegebenen Ärgernisse in die Busse von 50 fr." verdonnert. So ist es einem Protokolleintrag des Gemeinderats vom 24. Dezember 1835 zu entnehmen. Weiter heisst es darin wortwörtlich: "... dieses Strafgelde solle an ein Neuen Kirchen-Pass auf die Orgel verwendet werden, der aber auch auf der Orgel verbleiben solle, und niemahl zum Tantz Spiehl gebraucht werden dürfe, der alte Pass aber solle Hr. Weibel zu Handen nehmen, der ersucht ist, selben zu verkaufen."


In anderen Worten: Der gute Leonz kriegte wohl nicht nur von seiner Frau eins aufs Dach; er musste für seinen Seitensprung mit der Magd zur Strafe für eine neue Kirchenbassgeige aufkommen. Anscheinend war die alte ausgeleiert (das Instrument). Soweit sich die Geschichte des neuen Basses anhand von Protokollen und Signaturen im Inneren des Resonanzkörpers rekonstruieren lässt, begann Geigenbauer Aloys Suter in Brunnen mit dem Bau. Wegen ausbleibender Zahlungen aus Unterägeri wurde das Instrument nicht fertiggestellt. Dies geschah erst 24 Jahre später um 1859.

Vermutlich kam aus dem Ägerital der fehlende Geldbetrag, weil das dortige Orchester einen neuen Kontrabass für die Einweihungsfeier der neuen Kirche am 14. Oktober 1860 benötigte. Wahrscheinlich hatte bis dahin noch immer der ausgeleierte, anscheinend noch nicht verkaufte Bass dienen müssen.

Noch heute steht der Seitensprung-Bass beim Ägeritalorchester tüchtig im Einsatz. In seiner fast 180-jährigen Geschichte hat er viel erlebt und gesehen, hat es in andere Kantone geschafft und selbst ins Ausland: an den Gardasee, nach Thüringen, nach Dresden, nach Potsdam... Geni Häusler, Präsident des Ägeritalorchesters, ist amüsiert: "Würden heute noch solche Bussen für jede betrogene Ehefrau gesprochen, hätten wir haufenweise erstklassige Bassgeigen." Nur per Zufall ist er auf die heitere Hintergrundgeschichte gestossen, als er bei einer Reparatur die Jahreszahl 1835 auf der Innenseite des Korpusdeckels las. Der Historiker Renato Morosoli suchte darauf gar nicht allzu lange, bis er in einer uralten Akte des Gemeindearchivs auf den Eintrag über Leonz Iten stiess. Geni Häusler erinnert sich an seine eigene Kindheit und dass der Bass damals stets unterhalb der Empore in der Pfarrkirche stand. "Und das Instrument wurde auch rege gebraucht. Freilich nicht immer nur für Kirchenmusik, wie es die ursprüngliche Bestimmung vorsah", meint er schmunzelnd.

Häusler ist gleichzeitig fasziniert, wie so ein Instrument 18 Jahrzehnte überdauert und noch heute in einem so guten Zustand seine Dienste erfüllt. «Das ist eine tolle Eigenschaft von Streichinstrumenten. Durch Instandhaltung und Reparaturen halten sie lange Zeit und bleiben voll einsatzfähig.» Dass sein Orchester über eine Bassgeige mit solch bemerkenswerter Hintergrundgeschichte verfügt, lässt Häusler berechtigterweise auch ein bisschen Stolz verspüren.

ANDREAS FAESSLER ; Neue Zuger Zeitung,  5.12.2012



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